Interview mit Tibor Rode

Tibor Rode ist hauptberuflich als Anwalt in eigener Kanzlei für Wirtschafts- und IT-Recht tätig und schreibt nachts spannende Thriller. Peter Hetzel verglich das Erzähltalent des Autors mit dem von Dan Brown. Nun legt er nach »Das Rad der Ewigkeit« seinen zweiten spannenden Thriller »Das Los« über die Anfänge der Lotterie in Europa vor. Im Interview verrät er uns, wie er für das Thema recherchiert hat und was seiner Meinung nach den Reiz am Lottospielen ausmacht.

Wie ist die Idee zu Ihrem zweiten Roman entstanden? 

Ich hatte schon lange die Idee, ein Roman über Teilnehmer einer Lotterie zu schreiben. Die Spannung des Romans sollte sich daraus ergeben, dass am Ende nur einer den großen Jackpot gewinnt. Wobei der Leser es idealerweise einigen Protagonisten mehr gönnt als anderen. Bei den Recherchen war ich dann überrascht, dass es das Lottospiel in Europa schon seit dem 16. Jahrhundert gibt. Schließlich stieß ich auf die ebenso wahre, wie verrückte Geschichte des italienischen Abenteuerers Calzabigi, der das Lottospiel im Auftrag von Friedrich dem Großen 1763 in Berlin einführen sollte. 

Wie schon in meinem Debütroman »Das Rad der Ewigkeit« habe ich dann Vergangenheit und Gegenwart zusammengebracht, Wahrheit mit Fiktion gekreuzt und so entstand der Plot von der „ewigen Lotterie“. Er umspannt drei Jahrhunderte und stellt nicht nur die Frage nach Gewinn und Verlust, sondern führt auch zu Themen wie Leben und Tod oder Schuld und Sühne.

"Es geht um Leben und Tod oder Schuld und Sühne"


In »Das Los« treffen vier ganz unterschiedliche Menschen aufeinander. Die junge Pokerspielerin Trisha Wilson, der amerikanische Finanzmogul Carter Fields, der Hamburger Anwalt Henri Freihold und der in ärmlichen Verhältnissen lebende Inder Pradeep Kottayil. Was verbindet all diese Menschen miteinander? 

Sie alle sind auf ihre Art moderne Glücksritter und schlagen sich in ihrer ganz eigenen Welt mehr schlecht als recht durchs Leben. Und sie alle stecken in einer schwierigen persönlichen Situation.Obwohl sie an ganz verschiedenen Orten dieser Erde leben und einen völlig unterschiedlichen kulturellen und sozialen Background haben, eint sie aber dabei vor allem eins: Die Hoffnung, dass ihr Leben sich noch einmal zum Besseren wendet.

In Mittelpunkt des Romans steht ein Los, das einen Gewinn von unermesslichem Wert in Aussicht stellt. Dürfen Sie uns verraten, was es damit auf sich hat? 

Dieses Los von unermesslichem Wert ist Ausdruck der Hoffnung und jeder der Protagonisten interpretiert etwas anderes in das Los hinein. In ihm verkörpern sich die Wünsche und die Träume der Hauptfiguren. Und es stellt eine Versuchung dar, denn um es zu erlangen, müssen die Hauptersonen einen großen Einsatz bringen, der aus ihrem gesamten Vermögen besteht. Nicht umsonst steht der Begriff „Los“ auch für „Schicksal“. 

"Nicht umsonst steht der Begriff „Los“ auch für „Schicksal“"


In Ihrem Roman gibt es eine Gegenwartserzählebene und Ereignisse, die im 18. Jahrhundert  spielen. Wie sind Sie beim Schreiben der verschiedenen Zeitebenen vorgegangen?

Schon beim ersten Roman habe ich probiert, die beiden Zeitebenen getrennt voneinander zu schreiben und erst am Ende zusammenzufügen. Das habe ich aber rasch sein lassen, weil es nicht funktioniert. Ich habe vielmehr gelernt, dass ich, um mich in den Leser hineinversetzen zu können, das Buch so schreiben muss, wie man es liest: Seite für Seite hintereinander. Ich wechsle daher auch beim Schreiben zwischen den Zeitebenen hin und her, was großen Spaß macht. 
 

Welche wahre historische Begebenheit liegt dem Roman zugrunde? 

Friedrich II., auch Friedrich der Große oder der Alte Fritz genannt
Friedrich II., auch Friedrich der Große oder der Alte Fritz genannt

Nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges suchte Friedrich der Große Ideen, um Geld in die leeren Staatskassen zu spülen und seinem Volk die Hoffnung zurückzugeben. In dieser Situation gelang es Calazbigi, den Alten Fritz von seiner Idee eines Lottospiels für Preußen zu begeistern und so begann die spannende Epoche des Glückspiels in Preußen – jedoch mit einigen Hindernissen. Daneben gibt es im historischen Handlungsstrang zahlreiche weitere reale Anknüpfungspunkte, wobei auch die Kirche eine gewichtige Rolle spielt. 

Welche Bedeutung hatte die Einführung des Lotteriespiels im 18. Jahrhundert? 

Das Lotteriespiel hatte in seinen Anfängen gleich auf mehreren Ebenen ganz erhebliche Bedeutung: Den Herrschern diente das Lotteriespiel als neue Einnahmquelle. Es wurde als „die beste Steuer von allen“ bezeichnet. Die Menschen zahlten Geld an den Staat und sie taten es im Gegensatz zu anderen Steuern – in Erhoffung eines Gewinns – auch noch gern. Für das Volk war das Lottospiel hingegen nicht nur spannendes Vergnügen in einem ansonsten harten Alltag, sondern meist auch die einzige Chance, in einer Stände-Gesellschaft aufzusteigen.

"Das Lottospiel war meist die einzige Chance, in einer Stände-Gesellschaft aufzusteigen"


Wie gelingt es Giovanni Calzabigi, die Menschen von seinem Lotteriespiel zu überzeugen?

Offenbar schlummert in uns Menschen eine tiefverwurzelte Spiel- und Wettlust. Unabhängig vom Lotteriespiel gibt es Glücksspiele schon seit Jahrtausenden. Calzabigi versuchte, bei den Preußen diese Lust zu erwecken. Mit keinem anderen Mittel, als dies heute geschieht, wenn überall mit schwindelerregenden Jackpotbeträgen geworben wird. Zeige dem Menschen, was er gewinnen kann und er ist bereit dafür nahezu jeden Einsatz zu erbringen. 

Was ist aus Ihrer Sicht das Verlockende und Verherrende am Gewinnspiel für die Menschen in der damaligen und heutigen Zeit?

"Der glücklichste Moment ist die Zeitspanne zwischen Abgabe des Tippscheins und der Ausspielung."

Letztlich geht es bei Gewinnspielen immer nur um eins: Hoffnung. Der glücklichste Moment bei Gewinnspielen, so sagen Forscher, ist die Zeitspanne zwischen Abgabe des Tippscheins und der Ausspielung. In diesem kurzen Zeitraum darf man berechtigterweise vom großen Gewinn träumen. Man erkauft sich also mit einem Los letztlich Hoffnung. Das ist das Verlockende. Verherrend wird es erst dann, wenn daraus eine Sucht entsteht, denn offenbar kann dieser glückliche Reiz abhängig machen. Oder aber, wenn die Ausgaben in keinem Verhältnis mehr zum Gewinn stehen. Was ich in diesem Zusammenhang beeindruckend finde: Die Wahrscheinlichkeit den Jackpot im Lotto zu knacken ist statistisch wohl viel geringer, als in einen Flugzeugabsturz verwickelt zu werden. Dennoch steigen die meisten Menschen sorglos in ein Flugzeug, weil die Wahrscheinlichkeit so gering ist, dass etwas passiert, und spielen dennoch Lotto, in der Hoffnung, dass sie trotz der geringen Wahrscheinlichkeit gewinnen.


Sie sind hauptberuflich als Anwalt tätig. Welche Bedeutung hat das Schreiben in Ihrem Leben und welche Faszination üben Geschichten auf Sie aus?

Als Anwalt schreibe ich mindestens genauso viel wie als Schriftsteller. Allerdings mit einer ganz anderen Zielrichtung. In meiner Rolle als Jurist argumentiere ich, versuche andere Menschen durch meine Worte von Meinungen zu überzeugen und unterliege dabei einem strengen Regelwerk, das die Gesetze und Rechtsprechung vorgeben. Als Schriftsteller bin ich hingegen vollkommen frei und  versuche nur, gut zu unterhalten.  Das Faszinierende am Schreiben ist der Prozess: Eine Welt, die zunächst nur in der Phantasie des Autors entsteht, wird durch Buchstaben, Worte und Sätze sichtbar Schreiben ist also letztlich das Mittel um Phantasie zu kommunizieren. Zwischen Autor und Leser entsteht so eine ganz eigene Verbindung, jenseits von der realen Welt. 

Haben Sie literarische Vorbilder? Gibt es Autoren, die Sie mit ihren Büchern inspiriert haben?

Ich versuche nicht, irgendjemanden zu kopieren und ich denke auch, meine Bücher besitzen gerade wegen ihrer Mischung aus Realität und Fiktion sowie der Verbindung von Historie und Gegenwart eine große Eigenart. Nach Erscheinen des ersten Buches wurden meine Bücher in der Presse zum Teil mit denen von Dan Brown oder John Grisham verglichen. Und auch wenn beide natürlich Weltstars sind und jeweils ganz anders schreiben als ich, ehrt mich dieser Vergleich schon. Denn ich lese beide Autoren gern. John Grisham halte ich für einen der begnadesten Erzähler überhaupt. Er versucht nicht zu missionieren, sondern einfach zu unterhalten. Und Dan Brown hat den Spagat zwischen Unterhaltung und Bildung geschafft: Bücher, die bilden oder gar belehren wollen, sind ja in der Unterhaltungsliteratur normalerweise verpönt. Aber durch Dan Browns Art zu schreiben interessiert sich plötzlich eine breite Masse weltweit für die europäische Kultur und Geschichte. Grundsätzlich mag ich amerikanische Autoren. Von den deutschen Autoren finde ich, dass Andreas Eschbach ein besonderer Verdienst zukommt: Seine Bücher haben dazu beigetragen, die deutsche Unterhaltungsliteratur auf ein internationales Niveau anzuheben. 

 

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